Wenn in Mariazell die Wallfahrtssaison beginnt, läuft der Betrieb oft "wie an einem Bahnhof": Pilgergruppen treffen im Halbstundentakt ein, Gottesdienste überschneiden sich, Priester empfangen Gläubige aus ganz Mitteleuropa. Pater Michael Staberl, Superior der Benediktiner vor Ort, reflektiert im Interview mit Kathpress über das Pilgern und berichtet über den schon längst auf Hochtouren laufenden Wallfahrtsbetrieb. Viele Menschen suchten heute bewusst die Verbindung von Bewegung und Spiritualität, Mariazell stellt sich erneut auf rund eine halbe Million Besucher im laufenden Jahr ein.
Kathpress: Pater Staberl, wie ist die neue Wallfahrtssaison in Mariazell angelaufen?
P. Staberl: Am 1. Mai war traditionell der Start, das ist bei uns immer der Feiertag, an dem die Sommergottesdienstordnung beginnt. Auch im Winter kommen Pilger, doch es war etwas ruhiger. Jetzt geht es wieder los mit den täglichen Pilgergruppen. Am 1. Mai hatten wir einen Festgottesdienst mit Abt Alfred Eichmann aus St. Lambrecht, der mit einer Firmlingswallfahrt da war. Das war ein sehr schönes Zeichen, dass viele junge Leute aus seinem Seelsorgeraum waren dabei. Musikalisch hat das Chor- und Orchesterensemble der Stadtpfarre Fürstenfeld unter Franz Friedl gestaltet, sie haben die Nikolaimesse von Haydn aufgeführt. Besonders war auch der Besuch von Bruder David Steindl-Rast, der im Juli 100 Jahre alt wird, mit einem ORF-Team.
Wie entwickelt sich der Mai konkret im Pilgerbetrieb?
Der Mai ist durchgehend voll. Es beginnen viele traditionelle Wallfahrten, derzeit etwa aus Zeilern, Pötschachsdorf, Möggling oder Wiener Neudorf. Unter der Woche sind ständig Gruppen da, oft Pensionisten, aber auch Betriebe und Schulen. Ich nehme einen konkreten Tag: am 13. Mai kommen gleichzeitig St. Stefan ob Stainz, St. Valentin, die Mittelschule Schwanberg, das Marianum Erd aus Ungarn und Bedienstete der Justizanstalt Josefstadt. Das sind Gruppen mit 40 bis 50 Personen, fast immer mit Bussen. Am Wochenende wird es dann noch intensiver. Rund um Christi Himmelfahrt gehen viele Fußwallfahrer los, um mehrere Tage unterwegs zu sein, die nutzen das verlängerte Wochenende. Und zu Pfingsten kommt die Jüngergemeinschaft, das ist eine der größten Fußwallfahrten überhaupt, mit über 500 Fußpilgern.
Wie steht es um die Fußwallfahrten nach Mariazell?
Die hohe Beteiligung ist eigentlich ungebrochen. Der Weggedanke spielt dabei eine große Rolle - also dass man sich aufmacht und zu einem heiligen Ort geht. Das ist tief in der kirchlichen, besonders in der katholischen DNA verankert. Gerade die Verbindung mit Bewegung ist wieder wichtiger geworden. Viele Menschen haben heute sitzende Berufe und Bewegungsmangel - da ist eine Fußwallfahrt eine optimale Verbindung, weil man körperlich und spirituell unterwegs ist. Mariazell hat außerdem die Lage als klaren Vorteil. In jede Himmelsrichtung gibt es schöne Wege, das ist natürlich etwas anderes als ein Wallfahrtsort mitten in einer Großstadt. Dazu kommt, dass viele Menschen heute zuhause nicht mehr so stark pfarrlich verankert sind. Hier erleben sie Kirche anders: viele Menschen in der Kirche, Gemeinschaft und schön gestaltete Gottesdienste. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich.
Wie viele Pilger kommen insgesamt nach Mariazell?
Wir rechnen weiterhin mit etwa einer halben Million im Jahr, das ist aber nur eine vage Schätzung. Im Vorjahr hatten wir rund 1.200 angemeldete Gruppen, dazu viele spontane. Manche Gruppen bestehen aus zehn Personen, andere aus über tausend, etwa die burgenländischen Kroaten, das Rote Kreuz oder der niederösterreichische Bauernbund. Was ich genauer weiß, ist die Zahl der eingetragenen Priester als Wallfahrtsleiter, das waren über 1.200. Aber die Gesamtzahl der Pilger ist nicht exakt messbar. Wer ist überhaupt ein Wallfahrer? Im Advent kommen etwa 120.000 Besucher, viele gehen in die Kirche, aber nicht alle würden sich selbst so bezeichnen. Manche zünden nur eine Kerze an.
Wer sind die typischen Mariazell-Pilger? Entsprechen sie dem Durchschnittspublikum in den Pfarren?
Das würde ich nicht sagen, denn die Pilger sind durchgemischt, ein großer Teil nicht kirchlich eingebunden. Auch sehr viele junge Menschen und Familien lassen sich vom Wallfahren begeistern, freilich mehr am Wochenende als unter der Woche, wo sie in der Schule sind oder arbeiten. Es kommen auch viele Jugendgruppen, Firmlinge oder Erstkommunionkinder, auch Maturanten, oder Betriebe machen ihren Ausflug nach Mariazell und wollen dabei auch ein geistliches Programm in Anspruch nehmen.
Inwiefern hat sich aus Ihrer Sicht das Fußwallfahren verändert?
Verändert hat sich das Mariazell-Pilgern zu Fuß insofern, als es bei der Gruppengröße anders als früher klare Grenzen gibt. Das Hauptproblem sind die Gasthäuser und Quartiere entlang der Wege. Viele Dorfwirtshäuser haben zugesperrt, Familienbetriebe verschwinden. Das Gasthaussterben trifft uns direkt. Die Wege führen sternförmig über mehr als 100 Kilometer, aber es gibt nicht genug Infrastruktur, weil kein Betrieb kann sich nur durch die Pilger erhalten wie das etwa am Jakobsweg der Fall ist. Dazu kommt, dass Übernachten im Heustadel kaum mehr möglich ist. Früher war das selbstverständlich, heute gibt es Brandschutz- und Fluchtwegvorschriften, vieles ist strenger geworden. Das ist gut für die Sicherheit, aber es erschwert große Fußgruppen enorm. Deshalb gehen viele heute kürzer oder fahren nach Mariazell.
Welche neuen Pilgerformen entstehen?
Sehr stark im Kommen sind Motorradfahrer, und auch das Radpilgern wächst. Das wird inzwischen auch vom Tourismusverband aktiv beworben. Klassisches Radfahren war ja früher über die Berge kaum möglich, aber mit E-Bikes hat sich das völlig verändert. Strecken über Annaberg oder den Zellerrain sind jetzt realistisch. Viele nutzen auch den Traisentalradweg, darunter viele, die früher nicht mit dem Rad kommen konnten.
Ist der Alltag für Sie als Seelsorger wichtiger, oder die großen Veranstaltungen?
Ich bin froh, wenn es keine riesigen Events gibt. Die sind zwar Werbung für Mariazell, aber sie stören oft den normalen Ablauf. Unser Schwerpunkt ist eindeutig der tägliche Pilgerbetrieb. Wir haben fixe Gottesdienstzeiten viermal täglich, um 8 Uhr, 10 Uhr, 11.15 Uhr und 18.30 Uhr, dazu eine Messe im Karmel bei den Schwestern. Das ist das Minimum. Dazu kommen die Gottesdienste von Gruppen, die teils auch diese Messzeiten übernehmen oder dazwischen buchen, im Zeitraum von 8 bis 20 Uhr. Bei uns geht es da oft zu wie an einem Bahnhof, so viele sind es. Das braucht einiges an Logistik und Planung; wenn es eng wird, feiern wir im Pfarrsaal oder in der Michaelskapelle mit bis zu 60 Personen. Gruppen kommen und gehen, alles muss ineinandergreifen und abgestimmt sein. Wenn jemand verspätet ist, verschiebt sich der ganze Ablauf.
Kommen weniger Priester als früher?
Ja, deutlich weniger. Früher gab es in jeder Pfarre Pfarrer und Kaplan, heute werden Strukturen zusammengelegt. Durch die immer größeren Seelsorgeräume von heute ist es schwieriger geworden, dass eigene Priester die Wallfahrten begleiten. Deshalb sind wir Geistlichen hier im Haus mehr gefragt, wir sind zu fünft, dazu gibt es immer wieder Aushilfen aus Ungarn, weil viele ungarische Gruppen kommen, wobei wir mit Klöstern in Pannonhalma oder Tihany zusammen arbeiten, oder aus Indien, regelmäßig auch aus Serbien. Auch pensionierte Priester kommen regelmäßig und bleiben einige Zeit bei uns.
Welche Dienste leisten die Priester konkret?
Vor allem Beichte, Segnungen und Eucharistie. Der Beichtdienst ist täglich fix besetzt, am Vormittag und zur Abendmesse. Dazu kommen Segensfeiern und die Begleitung der Gruppen. Die Pilger melden sich online an und geben an, ob sie empfangen werden wollen. Dann werden sie direkt an der Kirche begrüßt und hineingeführt.
Wie verändert sich die Seelsorge durch Individualpilger?
Individualpilger sind schwer planbar und stark von der Witterung abhängig. Bei schönem Wetter ist die Kirche mitunter auch im November voll, bei Regen fast leer. Sie kommen ohne Anmeldung, oft allein oder in kleinen Gruppen. Das ist seelsorglich eine andere Herausforderung, auch weil weniger geistliche Begleitung dabei ist.
Mariazell galt immer als ein geistliches Zentrum für ganz Mitteleuropa. Wie steht es heute darum?
Wir sind weiterhin sehr international. Kein Wochenende vergeht ohne Gruppen aus Ungarn, der Slowakei, Kroatien oder Polen. Ungarn sind besonders stark vertreten, das hat eine lange Geschichte bis ins Mittelalter, aus der Zeit noch vor den Habsburgern. Auch kroatische Gruppen kommen, sogar von weitem wie aus Split und Dubrovnik. Sie kombinieren dann meist die Mariazell-Wallfahrt mit Reisen nach Wien oder in die Wachau. Polen besuchen Mariazell oft bei der Durchreise nach Rom.
Welche Neuigkeiten gibt es in Mariazell heuer?
Wir haben die Schatzkammer neu beleuchtet und grundgereinigt. Das ist kein Museum im klassischen Sinn, sondern ein lebendiger Raum. Dort stehen Votivgaben aus Jahrhunderten, jede mit einer eigenen Geschichte. Viele kennen wir, viele nicht. Auch aus der Habsburgerzeit stammen viele Stücke. Neu ist, dass weiterhin Votivgaben dazukommen. Erst vor wenigen Tagen wurde ein Verlobungsring hierhergebracht, oder der Siegelring und der Kelch von Bischof Maximilian Aichern aus seinem Nachlass. Alles wird dokumentiert und nummeriert. Die Schatzkammer ist täglich von 10 bis 15 Uhr geöffnet und zählt rund 50.000 Eintritte pro Jahr.
Welche Geschichten erzählen diese Votivgaben?
Zum Beispiel steht auf dem Kärtchen, das den Ring begleitet, dass die Mutter des Schenkenden als Dank für ihr langes und gesundes Leben ihre Kinder beauftragt hat, den Ring nach Mariazell zu bringen. Oder es gibt auch einen Nagel, mit dem man Knochen zusammenschraubt - als Dank für Heilung nach einer schwierigen Operation. Auch die Gewehrkugel, die Kaiser Ferdinand hätte verletzen sollen, gehört dazu. Viele Geschichten haben mit Gesundheit und Krankheit zu tun, aber auch familiäre Anliegen spielen eine große Rolle: Dank für Kindersegen, Bitten um Kinder oder Dankwallfahrten nach einer bestandenen Matura. Alles, was Menschen bewegt, kommt auch in der Schatzkammer vor. Natürlich stammen auch viele Stücke aus der Kriegszeit.
Quelle: Kathpress